Hoch gepokert und dann verloren

Nach dem es zuletzt im September beim Berlin Marathon nicht klappte und die Läufe in München und Los Angeles über die volle Distanz nicht auf Bestzeit vorgesehen waren, wollte ich in Hamburg eine neue persönliche Bestzeit auf 42,195 Kilometer hinlegen. Lag der letzte Lauf auf Bestzeit (03:29:32) schon wieder knapp 1,5 Jahre (Berlin Marathon 2016) zurück.

Die Vorbereitung auf das Hamburg Wochenende verlief solide. Rechnet man den Los Angeles Marathon Mitte März mit dazu, so hatte ich seit Jahresbeginn sieben Läufe über 25 Kilometer, fünf davon über 30 Kilometer. Die wöchentliche Laufdistanz seit 01.01.2018 betrugt bis eine Woche vor dem Hamburg Marathon im Durchschnitt 73,26 Kilometer pro Monat.

Mit meiner Trainingspartnerin Julia hatte ich neben den Longruns, den Fokus auf die Intervalle gelegt, um die notwendige Geschwindigkeit zu bekommen.

In der Wettkampfwoche ließ ich es ruhig angehen. So hatte ich meinen letzten Lauf am Mittwochabend mit meiner #WERUNFRANKFURT Laufcrew. Lockere 7 Kilometer in 40 Minuten. Bis zum Rennsonntag hielt ich dann die Füße still.

Am Renntag selbst fühlte ich mich gut! Klar, ein Zwicken hier ein Zwicken da und etwas Magen krummeln hat man immer. Völlig normal am Renntag. Man nimmt einfach alles viel genauer wahr. Nach sechs Marathonstarts und über 15 Halbmarathon-Rennen habe ich mich daran gewöhnt und versuche mich an dieses Körperverhalten nicht mehr zu stören. Kleiner Tipp: Mach du dich deshalb nicht verrückt – bei deinen Longruns, die du hoffentlich in deiner Vorbereitung absolviert hast, hat schließlich auch immer alles geklappt, oder?

Mit der Hamburger Elbphilharmonie im Rücken war noch alles in Ordnung

Für das Rennen selbst hatte ich mir ehrlich gesagt verschiedene Szenarien ausgemalt. Im Nachhinein vielleicht auch zu viele… Hauptziel war es, eine neue Bestzeit zu laufen – also schneller als 03:29:32. Inoffiziell hatte ich mir überlegt, schneller als 03:20:00 zu laufen. Ja, mehr als neun Minuten sind im Marathon Welten… Aber ich nahm an, dass aufgrund der guten Halbmarathon-Zeit (01:29:00) in Barcelona vor knappen zwei Monaten, die Zeit grundsätzlich machbar sein sollte.

Das Rennen begann gut, meine Trainings- und auch Rennpartnerin Julia und ich liefen schnell an. Für die ersten fünf Kilometer brauchten wir 23:04 Minuten. 45:47 Minuten waren vorbei, als wir die 10 Kilometer zurückgelegt hatten. Das war jeweils eine durchschnittliche Pace von 4:37″ bzw. 4:35″, also ein sehr hohes Tempo für meine persönliche Verhältnisse in Bezug auf die Marathon-Distanz.

Kilometer 16

Um das einfach mal zu verdeutlichen: Selbst wenn ich mein „Plan A mit Sternchen Ziel“ hätte erreichen wollen, also schneller als 03:20:00 zu laufen, hätte eine durchschnittliche Pace von 4:44″ ausgereicht.

Im Rennen dachte ich: „Ja gut, Tempo kann ich halten und wenn es läuft, probiere ich es doch einfach mal…“. Zwischenzeitlich erreichten wir auf der Strecke auch den Pacemaker für die Zielzeit 03:15:00. Eine Tatsache, die mich persönlich nicht weniger motivierte. „Wow, das wäre es ja, nach 03:15:00 ins Ziel zu kommen…“ das war mein Gedanke.

Kilometer 15 hatten wir nach 01:08:18 bei einer durchschnittlichen Pace von 04:33 abgehakt. Also noch einmal etwas schneller geworden.

Langsam und allmählich machte mir die Wärme und das hohe Tempo zu schaffen. Ich merkte, dass ich das Tempo nicht mehr halten konnte. Mit Julia verständigte ich mich, dass wir das Tempo etwas rausnehmen. Die vielen, immer wiederkehrenden kleinen Hügel auf der Strecke machten mir zu schaffen, aber auch das Tempo.

Egal was passiert, verliere nie den Spaß! Foto: www.instagram.com/philip_beyerstedt

Ab Kilometer 30 war bei mir leider die Luft raus, aber viel mehr mental, als vom Körper her. Immer wieder legte ich ab Kilometer 30 kurze Gehpausen sein. Ich konnte mich vom Kopf her nicht mehr motivieren. Fortan wurde jede Möglichkeit an Verpflegungsstation mitgenommen.

Ich glaube in dem Moment war mir das gar nicht bewusst, aber wäre ich relativ normal weitergelaufen und hätte nicht ständig Gehpausen gemacht, hätte es mit der Bestzeit noch klappen können. Der Vorsprung war dafür einfach im Vorfeld so enorm. Aber wie bereits gesagt, vom Kopf her konnte ich mich nicht mehr antreiben.

Bei Kilometer 35/38 nahm ich noch eine Massage, die am Streckenrand angeboten wurde, mit und lief danach weiter. 100 Meter vor dem Ziel stand ein Mann mit einem Krampf im Fuß. Ich hielt an und erkundigte mich nach seinem Zustand. Er wollte nicht mehr weiterlaufen. Zunächst hatte es den Anschein, als könnten wir – ein weiterer Läufer hielt ebenfalls an – ihn nicht dazu überreden, die restlichen Meter ins Ziel zu humpeln. Nach einen kleinen Augenblick schafften wir es aber dann dennoch. Er raffte sich auf und wir gingen zusammen die restlichen Meter über die Ziellinie. Ich kam schlussendlich nach 03:43:48 ins Ziel.

Gemeinsam statt einsam im Ziel angekommen!

Ich wusste in dem Moment nicht so ganz, was und wie ich mich fühlen sollte. Ärgerte ich mich? War ich traurig? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht mehr so genau. Heute, ein paar Tage später bin ich davon überzeugt, dass der Lauf etwas Gutes hat!

Der Lauf in Hamburg zeigte mir, dass ein Marathon kein Halbmarathon ist! Der Lauf zeigte mir, einen Marathon muss man deutlich strukturierter und mit mehr Plan angehen und nicht auf „komische“ und ganz „außergewöhnliche“ Ideen kommen und „total utopische Zeiten“ zu laufen. Auch nach 6 Marathon-Starts war ich nicht vor diesen Fehler geschützt, dass muss ich mir selbstkritisch einfach eingestehen. Der Lauf zeigte mir, lieber die erste Hälfte langsamer angehen lassen und wenn dann noch Luft ist, das Tempo – sofern nötig – langsam zum Ende hin steigern.

Es läuft nicht immer so, wie man es sich vorgestellt hat und wie man es gerne hätte. Wichtig ist aber, dass man aus Fehlern lernt, die Fehler bei sich sucht und es beim nächsten Mal besser macht! Und das werde ich. Der nächste Marathon wird kommen und meine Bestzeit wird verbessert werden!

Wer meine meine Läufe mitverfolgen möchte, kann mir gerne bei Strava oder natürlich bei Instagram folgen.

Fotos: www.instagram.com/sportraits_de , www.instagram.com/philip_beyerstedt/

 

 

 

Werbeanzeigen

8 thoughts on “Hoch gepokert und dann verloren

  1. Sehr guter Artikel. Laufe selbst Marathon und weiß wovon du schreibst.
    Dennoch eine super Zeit.
    Mitbeelchen Schuhen bist du gelaufen?

    1. Hallo Michael, Danke für dein Lob, freue mich das zu lesen! Bin mit dem Nike Zoom Fly gelaufen. Beste Grüße aus Ffm

  2. Flo, größten Respekt für deine Einstellung, die Motivation und diesen Beitrag!
    Kurze Frage: läufst du die ca 70km tatsächlich pro Monat oder pro Woche? Ich folge dir auch bei Instagram und dort scheint es so, als ob es deine wöchentliche Distanz wäre

  3. Was für ein Lauf und was für ein „auf und ab“ im Kopf und in Herz. „Verloren“ finde ich ein bisschen zu krass ausgedrückt. Du hast nicht aufgegeben (machen auch manche, wenn das Primärziel nicht erreicht werden kann) und hast sogar noch einem anderen Läufer geholfen!Das finde ich stark! Hat auch nicht jeder gemacht! Lass dich von deinem eigenen Kopf nicht verwirren („kein Bock mehr“ – sage ich mir auch öfter selbst 😉 ). Liebe Grüsse, und danke für den Bericht!

    1. Ja grundsätzlich hast du natürlich recht! Ich möchte den Marathon natürlich auch von seiner generellen Wertigkeit nicht herunter- oder schlecht reden – bzw die Leistung ihn zu finishen. Ein Marathon ist kein Kindergeburstag! Aber ich glaube jeder von uns weiß wie das ist, wenn man sich selbst etwas (realistisches) vorgenommen hat und es dann nicht klappt… aber gut, dann halt beim nächsten Mal!! Danke dir für dein Feedback!!!

    1. Ich verstehe deinen Kommentar nicht! Das Gewicht hängt doch nicht unmittelbar mit der Zeit zusammen?!

      @ Flori: klasse Artikel wie immer, danke dafür!

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.